Werksleiter mit Elektrikern, 2014
Energieversorger, Karlsruhe
120 x 90 cm

Menschenbilder - Arbeitswelten
Ausstellung in der EnBW Karlsruhe

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Menschenbilder – Arbeitswelten
Ulrich Rüter

Dass Arbeit das halbe Leben sei, wird gern zitiert. Und in der Tat dominiert der Arbeitsrhythmus unseren Tagesablauf. Die Arbeit bestimmt aber nicht nur unsere Zeit und ist meist die Grundbedingung für ein Einkommen, sondern über die Arbeit definiert sich häufig auch der soziale Status innerhalb einer Gemeinschaft oder unserer Gesellschaft. Viel wichtiger jedoch ist, ob die Arbeit auch Quelle für Zufriedenheit, Anerkennung, Gesundheit, Sinnstiftung und Lebensglück ist. Hohe Ansprüche, die vermutlich nur von den wenigsten Menschen als komplett erfüllt betrachtet werden können. Die Arbeitsstrukturen haben sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. War es noch wenige Generationen zuvor durchaus üblich, über lange Lebensphasen einem Unternehmen oder einem Betrieb anzugehören, so sind die heutigen Arbeitsbiografien sehr viel differenzierter geworden. Eine fortwährende Anpassung an neue Strukturen und Arbeitsprozesse wird heute eingefordert. Daher werden die Lebensläufe wechselvoller und vielfältiger.

Mit vielen traditionellen Berufen sind auch die damit verbundenen langjährigen Verbindungen zu bestimmten Arbeitsorten und Strukturen verschwunden. Viele Arbeitsbedingungen haben sich verbessert, aber nicht alles, was die Arbeit leichter macht, lässt den Arbeitenden zufriedener werden. Die Anforderungen des 21. Jahrhunderts werden diesen Prozess weiter beschleunigen und die Arbeitswelt erneut verändern. Daher ist es durchaus spannend und erhellend, durch das Werk von Mona Breede einen genauen Blick auf die Arbeitswelten von heute zu werfen.

Als Vorbemerkung zu der Bildserie der Fotografin gilt es, neben diesen Überlegungen zur Arbeitswelt auch die besondere Bedeutung des Mediums Fotografie zu beleuchten. Jeder erwerbstätige Mensch verbringt zumeist mindestens ein Drittel seiner Tageszeit außerhalb seines privaten Umfeldes, doch anders als im Vergleich zum familiären, rein privaten Lebenskreis gibt es häufig kaum fotografische Aufzeichnungen aus der mit Arbeit verbrachten Lebenszeit. Ist dieser Alltag nicht ­aufzeichnungswürdig? Was dokumentiert den arbeitenden Menschen am besten? Auch ­solche Fragen mögen am An-fang des Projektes von Mona Breede gestanden haben.

Die Fotografin untersucht schon seit ­einigen Jahren das Verhältnis von Mensch und Arbeit. Für ihr breit angelegtes Projekt „Men at Work“ hat Mona Breede bereits unterschiedliche­ Unternehmen verschiedener Branchen in Deutschland erkundet. 1 (...)

Mit ihrem Porträtprojekt kann Mona Breede in bemerkenswerter Weise an eine lange Tradition innerhalb der Fotografiegeschichte anknüpfen. Denn nicht nur sozial engagierte Fotografen interessierten sich schon früh für die Arbeitswelten ihrer Zeitgenossen, sondern die Dokumentation von Berufsfeldern war immer auch Thema für typologische Studien. Obgleich sich der Rahmen und Kontext für die Auswahl jeweils unterschied, vereint die Projekte doch stets der Wunsch, eine bestimmte Gruppe oder einen bestimmten Gesellschaftsteil fotografisch zu dokumentieren – immer aus dem historischen Bewusstsein heraus, dass diese Zusammenstellung einen Zustand zeigt, der sich in den folgenden Jahren verändern wird und die dargestellten Berufe oder Typen verschwinden lässt. (...)

Was Mona Breedes Projekt mit den genannten anderen Bildserien verbindet, ist die besondere Art der Inszenierung. Wobei sich ihre Regie vor allem auf das Finden des geeigneten Standpunktes und das Arrangement der Dargestellten reduziert. Die Balance zwischen Inszenierung und Authentizität führt in dieser Serie zur ­eindrucksvollen Form. Das scheinbar Bekannte bekommt in ihren Aufnahmen eine neue, zwingende Präsenz, verwandelt das Alltägliche in eine außergewöhnliche Besonderheit. Denn „dass Verfremdung erst Annäherung möglich macht, ist eine Regel, die so schlicht wie dialektisch ist. [...] Doch die Inszenierung muss den Menschen nicht manipulieren, kann gerade dem Respekt vor ihm Ausdruck geben.“8

Für den Moment der Aufnahme sind die Abgebildeten aus dem Prozess der Arbeit herausgenommen. Die Arbeit ruht, die Porträtierten sind abseits der Routine des Berufs: nur so entsteht eine auch für den Betrachter ersichtliche Konzentration mit geradezu würdevoller Stimmung. Dieses Vorgehen erinnert in der Tat an Vorbilder und Arrangements aus der Frühzeit der Fotografie, doch war diese Ruhigstellung den damaligen langen Belichtungszeiten geschuldet und führte nicht selten zu merkwürdig steifen Posen. Bei Breede bleiben die Porträtierten hingegen äußerst vital. Die Person steht in ihrem Umfeld, ist durch Kleidung und Attribute einem bestimmten Arbeitsfeld zuzuordnen, doch ihre Haltung und ihr Blick in die Kamera lenken den Gegenblick des Betrachters wieder auf das Individuum, auf die einzelne Persönlichkeit.

Dieser Blickkontakt ist wichtig, erreicht die Fotografin doch damit beim Betrachter eine Art Selbstreflexion. Es herrscht ein gewichtiger Ernst in den Fotografien und das ist insofern sehr wesentlich und auch sympathisch, unterscheiden sich die Aufnahmen doch somit erfreulich von den abermillionen Schnappschüssen, Selfies und den immergleichen Bildern, die zu großen Teilen die heutige Bilderwelt dominieren.

In Breedes Fotografien führt die Verknüpfung der Arbeitswelt mit dem Einzelnen und die Art und Weise der Inszenierung zu erhöhtem Erkenntnisgewinn. Jede Aufnahme ist ein kleines fotografisches Denkmal. Erst in der zeitlichen Distanz, wenn der tagesaktuelle Kontext einer historischen Betrachtung gewichen ist, wird man diese Qualität vermutlich umso ­stärker ­erkennen können. Auch wenn sich dann die Arbeitswelten weiter verändert haben, werden die Menschenbilder umso anschaulicher sein. So wird ein großer Bogen zur eigenen Selbstvergewisserung­ geschlagen, denn „nur wer sich erinnert, lebt in der Gegenwart.“ 9 In diesem Sinne gehen Mona Breedes Aufnahmen schon heute weit über die tatsächliche Dokumentation bestimmter Momen-
te und Menschen im Betriebskontext der EnBW hinaus.

1 So fotografierte sie für das Projekt u.a. beim Software­hersteller SAP SE, den Unternehmen Gelita AG oder HeidelbergCement AG.
8 Patrick Bahners, „Was bleibt?“, in: Moses 1991, vgl. FN 6, S. 21.
9  Stefan Moses, zit. nach: Peter Sager, Augen des Jahrhunderts. Begegnungen mit Fotografen, Verlag Lindinger + Schmid (Regensburg 1998), S. 146. Moses ­wiederum hat hierbei ein Zitat der Soziologin ­Margarete Mitscherlich verkürzt: „Nur wer sich ­erinnert, sich nicht selber belügt, lebt in der Gegenwart, ist zu einem wirklichen Neubeginn fähig und nicht dazu verdammt, unabgeschlossene, weil verdrängte Vergangenheit zu verewigen.“ Vgl. Margarete Mitscherlich und Brigitte Burmeister, Wir haben ein Berührungstabu, Piper Verlag (München 1993), S. 10.

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